Ein Atom namens Aischa

von Cristine Walter

Wenn ich Frau Elke Kinner spontan beschreiben müsste, als allererste würde mir der Begriff „warmes Atom“ einfallen.

So ein Atom ist bekanntermaßen ziemlich klein. Genau wie sie. Aber fein: Es saust ständig und unerschöpflich durch die Gegend herum und dadurch erzeugt und strahlt in seinen Umfeld Wärme aus!

Frau Kinner unterrichtet Deutsch. Sie ist, so zu sagen, eine Lehrerin. Aber eine der besonderer Art: Sie unterrichtet nicht an einer konventionellen Schule und ihre Schüler haben das Einschulungsalter schon längst überschritten. Es sind junge Männer von weit, weit weg hergereist, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Das, was sie gemeinsam haben, ist die jetzige Lage: sie leben in einem Gasthof in Dasing, fern von ihren Familien. Es handelt sich um Asylbewerber. Aus Nigeria, Senegal, Afghanistan.

Einmal in der Woche, am Mittwoch, findet in dem großzügigen Aufenthaltsraum des Gasthofs „Lechner“ in Dasig, Aischa’s Deutschunterricht statt. Aischa ist der zweite Name der Frau Kinner und der mit dem sie unkompliziert von ihren Schülern gerufen wird.

Es ist also Mittwoch Abend, kurz vor halb sieben. Als ich ankomme, sitzt schon der erste Schüler an einem der Tische und wartet dass der Kurs beginnt. Es ist Shola, wie er sich gleich vorstellt. Eine Tafel steht auch erwartungsvoll im Raum. Der erfüllt sich gleich mit jener Energie, die Frau Kinner mitbringt und die sie durch ihr Lächeln, mit dem sie mich und die anderen begrüßt, ausstrahlt. Und mit dem Duft von Popcorn. Der kommt aus einer XXL-Eimer, die sie extra für ihre Schüler mitgebracht hat. Kleiner Motivation-Mitbringsel
In kürzester Zeit füllt sich die Tafel, dank Frau Kinner, mit deutschen Wörtern voll. Das heutige Thema sind die Steigerungsformen der Adjektive. Von meditativer Ruhe keine Spur. Die Schüler schreiben fleißig ab und stellen immer wieder Fragen zu dem eine oder das andere Wort.

„hell - heller - am hellsten“ schreibt Frau Kinner an die Tafel und erklärt den Unterschied.

Nächstes Wort: „dick“.

„Kennt Ihr das Wort?“, fragt sie.

„Ja, ich weiss es! Eine Farbe?“, antwortet schnell einer der Schüler. „Nein, ich erklär’s dir: Wenn du sehr viel isst, wird dein Bauch dick.“, antwortet die Lehrerin und simuliert mit ihren Händen einen großen Bauch.
Ich muss unwillkürlich auf die Popcorn Eimer schauen und grinsen.

„Wer von Euch mag das an die Tafel schreiben? Du, Maguaye?“

Maquaye kann schon mittlerweile relativ gut Deutsch, er versteht schon ziemlich viel. Ohne zu zögern steht er auf und geht zur Tafel.

„Wer ist dicker?“, fragt Aisha. „Maguaye oder Schola?“.

Lautes Gelächter bricht aus. Maguaye, fast so groß wie die Tafel und sehr dünn, hält die Kreide in der Hand und lächelt bescheiden. Obwohl Shola sitzt und man ihn nicht im Ganzen sieht, ist er das offensichtliche Beispiel für die Steigerungsform. Das will er aber nicht so leicht zugeben. „Magaye ist dünner als Shola.“, sagt Frau Kinner. Fall geklärt. Weiter schreiben. Und, nebenbei, aus der unwiderstehlichen Popcorn-Riesenpackung immer wieder ein Häppchen herausnehmen.

Nachdem die Schüler noch eine kleine Hausaufgabe bekommen, schickt uns Frau Kinner nach draussen, auf den Parkplatz. Dort wird der Kurs fortgesetzt. Das ist der praktische, und, wie es sich gleich herausstellen wird, der aufregendsteTeil des Unterrichtes. Frau Kinner hält einen Stapel großer Karteikarten in der Hand. Auf jeder dieser Karte steht ein Wort. Es sind Begriffe die mit dem Auto zu tun haben: Handbremse, Fußbremse, Reifen, Kofferraum, Kupplung, Hupe, Stoßstange, Fahrersitz, Beifahrersitz, Innenspiegel usw.

Das Spiel besteht darin: Frau Kinner hält eine der Karten in der Hand und spricht laut das darauf stehende Wort aus. Kein einfaches Spiel, da es sich ja nicht um standardmäßig benutzte Begriffe handelt. Aber dennoch sehr lustig. Die erwachsenen Männer verwandeln sich rasch in große Kinder. Binnen halbe Stunde verschwindet das kleine Auto hinter den darauf geklebten Zetteln. Als alle Karten verbraucht sind, kommt der zweite Teil des Spieles: Frau Kinner nennt einen der Begriffe und die Schüler müssen dann den dazugehörige Zettel wieder vom Auto entfernen. Jetzt sind gutes Erinnerungsvermögen und Reaktionsschnelligkeit gefragt.

Am Schluss werden die Karteien gezählt und die Gewinner ernannt. Und Preise gibt es natürlich auch: die ersten 3 Plätze werden mit Schokoladenkreationen belohnt. Die restliche Mannschaft bekommt kleine aber süße Trostpreise. Und alle sind zufrieden. Und schlauer.

Aber eine Hausaufgabe bekommen sie schon noch: jeder muss, bis zum nächsten mal, ein Auto zeichnen. Auf dem Bild müssen sie dann all diese neuen Begriffe an der richtigen Stelle schreiben. Das wird bestimmt lustig, die nächste Sitzung.

Frau Kinner ist schon sehr lange ehrenamtlich aktiv: Anfangs, kurz nach dem Studium, in München, in der Münchener Aidshilfe, später im Jugendrotkreuz in Aichach, wo sie die Kinder-/Jugendgruppe lange Zeit geleitet hat und, seit einigen Monaten, hier in Dasing.

Meine Frage, was für sie am schwierigsten ist, beantwortet Frau Kinner nachdenklich: „Das Schwierige hier im Unterricht, meiner Meinung nach, ist nicht die Motivation. Das sind Erwachsene, sie sind freiwillig hier im Unterricht. Die Schwierigkeit, oder eine der Schwierigkeiten, ist, dass diese Klasse, weil ich es einfach so benennen will, extrem unterschiedlich zusammen gesetzt ist. Es sind verschiedene Nationalitäten, verschiedensten Muttersprachen, und, meiner Meinung nach, viel wichtiger: verschiedenste Bildungshinter-gründe.“

Jemand, der in seiner Heimat studiert hat und schon fließend einige Sprachen spricht, tut sich viel leichter als jemanden, der vielleicht überhaupt 3-4 Jahren zur Schule gegangen ist. „Denen gerecht zu werden, das ist für mich die wirkliche Herausforderung!“, ergänzt sie. Was sie bezüglich ehrenamtliche Deutschlehrer unbedingt noch betonen möchte: „wir sind hier, im Landkreis Aichach-Friedberg, vorbildlich unterstützt vom Landratsamt!“.

Das schönste Feedback für sie?

„Das schönste Feedback ist ein indirektes: Wenn ich einfach sehe, wie schnell manche lernen. Es ist einfach toll!“, antwortet Frau Kinner. „Für mich persönlich ist es eine unheimliche Bereicherung, mit verschiedenen Kulturen zu tun zu haben! Da kriegt man auf manche Sachen einen ganz anderen Blickwinkel und man merkt oft wie eingefahren man denkt. Und, ich persönlich, aber das muss jeder für sich entscheiden, mache auch nicht nur Unterricht. Zum Beispiel, sind wir mal zum Historischen Fest Wertachbrucker Thor gefahren, oder wir waren mal zusammen beim Minigolfspielen, oder im Museum in Augsburg. Ich versuche ja Freizeitangebote zu ermöglichen und das macht auch selber Spaß.“

Während meines Besuches im Aischa’s Deutschunterricht, musste ich an einen bekannten Spruch denken: „Deutsche Sprache, schwere Sprache!“.

Aber, abgesehen von den immer wieder auftretenden Begriff- und Lernschwierigkeiten der Schüler, das, was auf jeden Fall die ganze Zeit während des Unterrichtes nicht zu übersehen war, war der Spaß und das Inte-resse mit denen diese junge Leute dabei waren!

Und „schuld“ daran ist mit Sicherheit Frau Kinner’s einfallsreicher Weise mit der sie diesen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihre eigene Muttersprache beizubringen versucht.