Mit „Schwester Lotta“ am Stammtisch

Gasthof „Zur Linde“ in Friedberg, an einem Montagabend im August.

In einem separaten Raum halten sich einige Leute auf. Die Atmosphäre scheint locker und entspannt zu sein. Sieht nach einen ganz normalen Stammtisch-Treffen aus. Doch etwas an dieser Gesellschaft fällt auf: die Rollstühle. Und ihre Insassen: Eine junge, hübsche Frau, ein Herr mittleres Alters, ein junger, schick angezogenen Mann, ein anderer junger Mann. Dieser letzte ist komplett auf die Hilfe eines computergesteuerten Rollstuhls und auf eine rund um die Uhr Hilfsperson angewiesen. Wie auch die junge Frau.

An diesem Montagabend findet nämlich der Stammtisch der Offenen Behindertenarbeit Friedberg statt, unter der Schirmherrschaft der Caritas Augsburg Betriebsträger GmbH. Und hier werde ich meine heutige, noch unbekannte, Verabredung treffen.

Neue Leute kommen herein. Die werden sofort von den Anwesenden herzlich begrüßt. Es herrscht eine lockere, eingespielte Stimmung und es wird immer lauter. Eine neue Person betritt gerade den Raum: Eine leuchtende Erscheinung. Das unbekannte Gesicht kommt, mit einem schönen, strahlenden Lächeln, auf mich zu und reicht mir die Hand. Ich weiss sofort wer das ist: Andrea Schmidbauer, meine Verabredung. An einem ruhigeren Tisch, beantwortet sie mir meine Fragen offen und erzählt über ihr Engagement im behinderten Bereich.

Seit 10 Jahren ehrenamtlich bei der CAB aktiv, erinnert sich Frau Schmidbauer gerne an die Anfangszeiten und an ihre erste Begegnung mit den Behinderten. „Es gab eine Annonce in der Zeitung, sie suchten eine Begleitung für einen Ausflug nach München, in die Allianz Arena. Ich habe mich gemeldet und gesagt, ich würde mal gern mitfahren, um mir es mal anzuschauen… Und da war noch ein Platz frei und durfte gerne mithelfen.“ Der Günther, der heute auch dabei ist, war der erste, den sie betreut hat, in dem Stadion. „Wir haben uns bekannt gemacht, haben uns gleich umarmt… Es hat sofort gestimmt!“. Kurz danach stellt mich Frau Schmidbauer dem Günther vor. Darf ich ein Foto schiessen?, frage ich. Ja, er möchte sehr gern zusammen mit der Andrea fotografiert werden! Gesagt, getan!

Frau Schmidbauer geht zu den Leuten, begrüßt persönlich jeden einzelnen, setzt sich kurz zu ihnen an den Tisch. Es wird gegessen, geredet, gelacht. Später findet sie wieder etwas Zeit für mich und meine Fragen…

Wie genau sieht Ihre Tätigkeit aus, Frau Schmidbauer?

Frau Schmidbauer: Meine Tätigkeit ist einfach, die Leuten beim Essen Eingeben zu betreuen, sie zu unterstützen, egal was sie machen. Es sind ja einige spastisch Behinderte dabei. Zum Beispiel die Jasmin: Die kann gar nichts rühren, man muss ihr das Essen eingeben, mit ihr auf die Toilette gehen.

Gibt es feste Zeiten oder Tage, an denen sie im Einsatz sind?

Frau Schmidbauer: Es gibt ein Programm, das der CAB zusammengestellt hat, wo die Ausflüge und die Treffen stehen. Wir können uns da eintragen, ob wir mithelfen möchten oder können. Es geht darum, dass die Behinderten sich mal einen Ausflug gönnen können… Sonst könnten sie das gar nicht, weil sie ja ummobil sind. Sie brauchen immer jemanden, der für sie da ist.

Braucht man dafür eine spezielle Ausbildung?

Frau Schmidbauer: Nein. Wir haben aber eine Schulung gehabt, für den Behindertenbus. Das hat die CAB organisiert. Dazu kommt noch der Erste Hilfe Kurs, speziell für Behinderte, und ein Rollstuhl Training. Da war mein Mann auch dabei, der ist auch schon seit zwei Jahren aktiv dabei.

Haben Sie ihn dazu überredet?

Frau Schmidbauer: Nein, es war seine eigene Entscheidung! Er kennt es, er weiss was ich mache, er war ab und zu mal dabei. Anfangs hat er sich eher raushalten, war nicht so sicher, er meinte er kann’s nicht. Aber, er hat es sich doch noch mal überlegt, die Runde gefällt ihm sehr gut.

Was macht die Arbeit mit den Behinderten so besonders?

Frau Schmidbauer: Das Zwischenmenschliche. Der Weg ist hier viel kürzer. Wissen Sie warum? Weil sie das nicht so oft haben. Bei uns ist das Alltag. Manche sagen: „Ich bräuchte da Hilfe… kannst du vielleicht mit mir da hingehen? Oder können wir mal zum Bummeln gehen?“ Oder in die Stadt, oder einkaufen… Das sind alles Dinge, die sie nicht alleine erledigen können. Oder einfach ein offenes Ohr haben. Das ist für die schon ganz viel. Sie sind auch sehr glücklich, dass sie alle 4 Wochen hier her kommen, wir essen gemeinsam. Die wollen auch einfach mal gut essen gehen! Andere wollen nur reden… Einfach Spaß haben. Es ist bei uns auch meistens sehr lustig! Manchmal komme ich mir vor, wie ein Animateur. (lacht herzlich)

Gibt es eine besonders lustige Erinnerung?

Frau Schmidbauer: Ja, das war im Fasching… Meistens feiern wir am Rosenmontag Fasching. Wir verkleiden uns. Keiner weiss wie die anderen verkleidet kommen. Ich habe mich als Nonne verkleidet. Als ich reinkam, da waren alle ziemlich erschrocken, zurückhaltend: Die haben wirklich gedacht, dass ich eine Nonne bin. Die haben mich nicht erkannt! Eine Ordensfrau ist scheinbar für einen Behinderten schon eine Respektsperson… Das hat sie sehr beeindruckt. Das habe ich keinesfalls bezwecken wollen! Aber die Reaktion war richtig nett. Als sie mich dann endgültig erkannt haben, haben sie angefangen zu lächeln… Seitdem heisse ich „Schwester Lotta“. (lacht sehr herzlich) Wir tanzen auch mit ihnen, wir haben sogar einen Rollfahrstuhl-Tanzkurs schon mal gemacht….

Was bekommen Sie zurück?

Frau Schmidbauer: Was ich kriege? Ich kriege ein Lachen zurück, ich kriege einen Lob zurück. Von den Behinderten selber. Die Schwerstbehinderten, die können nicht reden. Die lachen einen an, dadurch dass sie die Augen aufmachen und einen anschauen. Von der CAB wird es auch wörtlich belohnt: „Super wart Ihr!“, „Einen tollen Ausflug habt Ihr gehabt!“. Das ist für uns eine Bestätigung und gleich Balsam für die Seele. Es motiviert uns weiter zu machen.

Was würden Sie anderen Leuten empfehlen, die sich auch in dem Behindertenbereich engagieren wollen?

Frau Schmidbauer: Am besten ist es, einfach hinzugehen und schnuppern. Die Leute müssen die entsprechende soziale Ader haben. Es sollten Leute mit einem verantwortungs- und rücksichtsvollen Verhalten sein, kommunikativ. Leute, die den Mut haben, auf andere Menschen zu zu gehen, insbesondere auf behinderte Menschen. Die Einstellung im Umgang mit den Behinderten ist sehr wichtig! Ein Behinderter Mensch ist kein Kind. Man muss sich gleichwertig stellen, wir sind alle Erwachsene. Ma muss sich würdevoll und respektvoll gegenüber den Behinderten verhalten. Die meisten haben leider Angst, etwas falsch zu machen und das scheut sie ab. Leider haben wir zu wenig junge Betreuer!…

Ist diese Arbeit wirklich so schwer oder ist es nur ein Vorurteil?

Frau Schmidbauer: Für mich war es nicht schwer. Ich bin ein sozialer Mensch, habe mit Kindern schon viel gearbeitet. Ich habe selber zwei erwachsene Töchter und zwei Enkelkinder. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch. Schon immer gewesen. Ich bin so erzogen worden und das habe ich auch meinen Kindern weiter gegeben. Ich praktiziere es eben auch im Ehrenamt. Ich hoffe, dass ich es noch lang genug machen kann… (lacht)

Die zwei Stunden sind wie im Flug vergangen. Wieder geht ein Stammtisch Abend zu Ende. Die Leute verabschieden sich bis zum nächsten mal, die Behinderten in Rollstühlen werden von dem Fahrdienst geholt und zurück zu ihrem Heim gebracht. Ich verabschiede mich auch von meinen neuen „Shooting Stars“ - auf diese Bilder seien sie schon sehr gespannt! Die bekommen sie auf jeden Fall, verspreche ich ihnen, bevor ich den Raum verlasse. Noch sehr beeindruckt von diesem Treffen, muss ich an dieser Stelle einen persönlichen Lob an alle Ehrenamtlichen, die sich im Behindertenbereich engagieren: „Danke, dass es Euch gibt!“.