Tante Maria

von Cristine Walter

Die großzügige Aula im Eingangsbereich der Grund- und Mittelschule Kühbach begrüßt einen mit ihren bunt dekorierten Wänden. Das macht gleich einen freundlichen Eindruck. Liebevoll von Kinderhänden gestaltete Kunstwerke sind an allen Wänden zu entdecken und zu bewundern. Mühelos kann man sich das tägliche, lebhafte Treiben vorstellen.

Jetzt, am Nachmittag, ist alles still. Ruhe ist im Haus eingekehrt. Anstelle der Kinder, trifft man jetzt nur auf die fleißige Putzkolonne. Man könnte meinen, das Gebäude ist leer.

Doch es gibt einen Ort im Haus, wo immer noch Kinderstimmen den Raum erfüllen - in der Mittagsbetreuung.

Hier werde ich gleich von zwei netten Damen empfangen. Eine davon ist Frau Maria Kopfmüller. Das erste, was man bei Frau Kopfmüller wahrnimmt, ist ihr Lächeln, mit dem sie einem entgegen kommt. Das bricht sofort jedes Eis und baut eine sehr angenehme Atmosphäre auf.

Frau Kopfmüller oder Maria - so rufen sie die Kinder - hat heute Dienst in der Mittagsbetreung. Das macht sie freiwillig. Und mit Begeisterung. Sie unterstützt Frau Theresa Sturm, die Person, die speziell für diese Tätigkeit angestellt ist.

Wir betreten gemeinsam den Raum der Mittagsbetreuung. Hell, freundlich, farbenfroh.

7 Paar neugierige Kinderaugen schauen von den Schulheften auf und beobachten mit sichtbarem Interesse, welche unbekannte Person heute dabei ist, nämlich ich.

Jedes Kind sitzt an seinem Schreibtisch. Schulhefte, Bücher, Mäppchen, Stifte, Radiergummis liegen vor ihnen, griffbereit. Es ist Zeit für die Hausaufgaben.

Im Raum herrscht Arbeitsatmosphäre. Diese wird ständig von flüsternden Stimmen nuanciert.

Erstaunlich. Man fühlt sich gleich Teil dieser schaffenden Atmosphäre und man wird, ganz unkompliziert, zum Mitwirkenden. Die Kinder gehen sofort auf mich zu und beantworten, ohne zu zögern, meine auf die Hausaufgaben und Schule bezogenen Fragen.

Unwillkürlich nimmt man Bruchteile von halblaut gesprochenen Sätzen wahr:

„3 x 9..., 3 x 7..., 2 x 9 = 18... Genau!“ - „Maria! Maria! Wie geht das?“ - „Gleich, Max! Ich komm gleich.“ - „ bei 30 muss ich 3 weg, bei 4 die 4..., ich brauch‘ Hilfe bei der letzten Aufgabe!“...

„Max, bist du jetzt schon fertig?“, fragt Maria den achtjährigen Max.

„Ich bin jetzt auch fertig!“ - ruft das zwölfjährige Mädchen, das gerade ihre Englisch Hausaufgabe mit ein wenig Hilfe erledigt hat.

Wenn ein Kind fertig ist, darf es zum Spielen in den Nebenraum gehen.

Nicht alle Kinder werden gleich schnell fertig. Manche sind ganz fit, wie der Max, andere brauchen etwas länger. Manche erledigen ihre Hausaufgaben selbständiger, manche brauchen mehr Unterstützung.

Die zwei Damen haben also alle Hände voll zu tun und springen hilfsbereit hin und her, von Kind zu Kind. Fr. Sturm hat hier durch ihre freiwillige Helferin natürlich eine gute Unterstützung. Es soll auch kein Kind vernachlässigt werden. Das kostet allerdings viel Geduld, Zeit und Energie. Doch die Kinder sind froh darüber. Schliesslich will doch jeder seine Hausaufgaben so schnell wie möglich fertig haben, um endlich spielen zu dürfen.

Meine Frage, seit wann und warum sie sich für diese freiwillige Tätigkeit entschieden hat, beantwortet Frau Kopfmüller mit Überzeugung: „Das mache ich seit diesem Schuljahr. Wissen Sie, ich pflege meine Mutter. Deshalb wollte ich irgendetwas zum Ausgleich haben, ganz was anderes machen.“

Dass es eine freiwillige Tätigkeit sein sollte, war für sie von vorne herein klar. So kann sie ihre zeitliche Flexibilität behalten, da sie immer in Rufbereitschaft für ihre pflegebedürftige Mutter sein muss. Der Wunsch, mit Kindern zu arbeiten, war der Wegweiser auf ihrer Suche nach einer freiwilligen Beschäftigung. So viel stand schon mal fest. Eigentlich war die Anfangsidee eine Tätigkeit als Lesepatin an einer Schule zu finden. Nachdem sie die Initiative ergriffen und einige Telefonate durchgeführt hatte, erfuhr sie, dass man an der Schule in Kühbach eine Hilfsperson für die Mittagsbetreuung suchte.

Und so fing es an...

„Ich bin praktisch die Tante, die immer vorbeischaut“, sagt Frau Kopfmüller und lacht. 

„Es ist besonders schön einmal die Woche hier zu sein. Die Kinder freuen sich jedes Mal, mich zu sehen.“

Mit den 3 Kindern, die jetzt schon fertig mit den Hausaufgaben sind, geht es in den Nebenraum. Theresa (Fr. Sturm) bleibt bei den anderen Kindern, die noch mit dem Schreiben oder Rechnen beschäftigt sind.

„Wenn Theresa drüben noch Kinder bei den Hausaufgaben hat, muss jemand bei den anderen bleiben, nicht dass sie unbeaufsichtigt im Freizeitraum sind.“, erklärt mir Maria. 

Max und Maxi holen gleich das Jumbo Mikado Spiel heraus. Doch Maria hat noch eine Überraschung parat. Sie hat von zu Hause zwei Spiele ihrer eigenen, nun großen Kinder aus dem Tiefschlaf geweckt und mitgebracht. Die Schachteln werden von ungeduldigen Kinderhänden geöffnet und gleich ausprobiert. Es macht ihnen sichtlich Spaß, diese „neuen“ Spiele gemeinsam auszuprobieren. Sie lachen immer wieder.

„Es kommt zurück, das ist das schöne!“, sagt mir Frau Kopfmüller noch bevor ich mich verabschiede. „Es sind sehr nette, lebendige Kinder. Für mich, sind sie eine Art Enkelkinder-Ersatz. Meine eigenen Kinder studieren ja noch.“

Zum Abschluss sagt sie mir noch: „Es wäre sehr schön, wenn sich mehr Leute bereit erklären würden, eine solche Tätigkeit zu übernehmen!“ 

Hier kann man sicherlich nur zustimmen!